27 Nov

Das Paket

Diese Woche war es wieder ruhig auf meinem Blog. Dabei hatte ich mir so viel vorgenommen. Doch wir haben gerade Besuch, und da liegen die Prioritäten schon mal anders.
Letzte Woche habe ich im Rahmen meines Studiums bei der Schule des Schreibens eine Kurzgeschichte geschrieben. Zur Auswahl standen drei Anfänge einer Geschichte, von denen man einen Anfang weiterführen sollte. Wie der Zufall so will, passte meine Idee auch wunderbar zum sechzehnten Wort „Distanz“ des Projektes [*txt] , bei dem ich mitmache.
Damit die Woche also nicht ganz ohne Post vorbeigeht, könnt Ihr nun die Geschichte „Das Paket“ lesen. Ich bin sehr gespannt, was Ihr zu der Geschichte sagt.

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09 Mrz

Der Kirschbaum

Einen schönen Montagmorgen wünsche ich Euch. Ich starte die Woche mal mit einer Kurzgeschichte von mir, die auf einer wahren Begebenheit basiert.

„Das ist doch wohl die Höhe. Niemals, sage ich. Der Kirschbaum bleibt.“ Herr Horstmann schlug mit der Faust auf den Tisch. Seine Frau blickte kurz von ihren Stricknadeln hoch und als sie sah, dass es Faust und Tisch gut ging, zählte sie weiter Maschen. Herr Horstmann sprang auf und stampfte nun geräuschvoll durch die kleine Küche, während er weiter schimpfte. „Mein Urgroßvater hat diesen Kirschbaum gepflanzt. Der wusste noch, was sich gehörte. Erstens: Man schlägt keine Mädchen und Frauen. Zweitens: Die Familie ist dein wertvollstes Gut. Und drittens …“
„Und drittens respektiere das Eigentum deines Nächsten.“, ergänzte Frau Horstmann. „Ich weiß, Kalle. Und dein Urgroßvater war ein weiser Mann. Doch als dein Urgroßvater den Baum gepflanzt hat, gab es hier noch nicht viele Häuser und keine Bürgersteige. Es war egal, dass die Früchte auf den Gehweg fielen. Wir werden nicht jünger. Ich bin zu müde, um jeden Tag den Dreck weg zu fegen. Und ich möchte keinen Streit mit den Nachbarn mehr.“
Herr Horstmanns Kopf nahm eine kirschrote Farbe an: „Dann lass die Früchte liegen. Sollen die doch aufpassen, wo sie hintreten. Es ist mein Kirschbaum. Mein Eigentum. Das müssen die Nachbarn respektieren und du auch. Der… Kirschbaum… bleibt.“

Anne durchsuchte ihre Hosentaschen nach einem Haargummi. Sie versuchte sich eine Strähne aus dem Gesicht zu pusten, doch das verschwitzte Haar klebte fest an ihrer Stirn. Sie linste zu Simone, über deren neue Igelfrisur sie heute Morgen noch gelacht hatte. Jetzt in der heißen Nachmittagssonne wünschte sie sich augenblicklich eine Schere herbei.
„Mir ist langweilig.“, seufzte Simone.
Anne gab die Suche nach einem Haargummi auf. „Mir auch.“
„Komm, ich habe eine Idee.“ Simone führte ihre Freundin zu einem Kirschbaum, dessen Äste über den Gehweg ragten. Darunter war der Weg mit zertretenen Früchten übersät.
„Igitt, das sieht ja aus, als hätte der Bürgersteig die Pocken.“ Anne schüttelte sich.
Simone lachte. „Ja, aber die Früchte sind ein Traum.“
Sie ging in einem großen Bogen um das Kirschmassaker herum. Vorsichtig blickte sie um die Ecke und winkte Anne, ihr leise zu folgen.
„Es scheint niemand da zu sein. Im Garten kommt man besser dran. Pass gut auf. Der alte Griesgram, der hier wohnt, ist bissiger als ein Dobermann.“
Die Mädchen schlüpften durch ein Loch in der Hecke und schlichen gebückt zum Kirschbaum.
„Hm, die sind so gut.“ Eine nach der anderen wanderten die roten, süßen Früchte in die Münder der Mädchen.
Simone lachte, als sie Annes Mund sah. „Du siehst aus wie ein Clown.“ Als ihr dann noch eine Kirsche ins kurze Haar fiel, war es um sie geschehen. Sie kugelte sich vor Lachen auf dem Boden. Plötzlich drehte sich Anne um und rannte weg. Simone wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Was? …“
In diesem Moment fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie wurde fest am Arm gepackt und ehe sie sich versah, klemmte sie zwischen zwei Beinen. „Anne!“, schrie sie.
Eine alte Männerstimme lachte wütend. „Das Mädchen lassen wir laufen. Doch einem Bengel wie dir hat eine Tracht Prügel noch nie geschadet.“ In dem Moment traf sie ein fester Schlag auf den Hintern. Sie biss die Zähne zusammen und spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Simone wollte protestieren, doch jedes Mal, wenn sie etwas sagte wollte, traf sie ein Schlag und ihr blieb die Luft weg. Als der Mann endlich fertig war und sie aus der Umklammerung losließ, platzte es aus ihr heraus.
„Aber ich bin doch auch ein Mädchen.“ Nun ließ sie ihren Tränen freien Lauf, drehte sich um und rannte davon.

Beim Abendessen waren Schreck und Schmerz bereits verflogen. Sie und Anne hatten beschlossen, niemanden etwas zu verraten.
„Könnt Ihr euch vorstellen, was heute passiert ist?“ Simones Vater grinste. „Herr Horstmann hat tatsächlich den Kirschbaum gefällt. Wer hätte das gedacht! Da ist der alte Griesgram doch noch zur Vernunft gekommen.“
Simones Mutter reichte ihm den Wurstteller. „Tatsächlich? Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe. Was hat ihn bloß umgestimmt?“
Simones Vater zuckte mit den Schultern. „Genau weiß ich es nicht. Herr Brinkmann von nebenan hat es beobachtet. Der alte Horstmann soll plötzlich mit einer Axt gekommen sein und geschrien haben: „Man schlägt keine Mädchen und Frauen.“ Dann hat er den Baum gefällt. Ein komischer Kauz.“

Für alle, die sich Sorgen um den Kirschbaum machen: So weit ich ich weiß, steht der im echten Leben noch. Wie gefällt Euch die Geschichte? Ich überlege übrigens, ob ich den literarischen Part in einen zweiten Blog plaziere. Was meint Ihr?
Herzliche Grüße, Nina

25 Nov

Matti tanzt – eine Kurzgeschichte

Hallo Ihr Lieben,

heute gibt es eine neue Kategorie: Erzähltes. Denn neben dem Nähen und Basteln schreibe ich auch gerne. Meine letzte Geschichte liegt allerdings schon länger zurück. Doch jetzt habe ich endlich mal wieder eine Kurzgeschichte geschrieben. Die möchte ich Euch nicht vorenthalten. Die Geschichte spielt zwar im Sommer, doch ich denke, sie passt dennoch gut in diese Jahreszeit.
Gerne möchte ich erfahren, wie sie Euch gefällt.

Viel Spaß beim Lesen, Nina

Matti tanzt
Matti tanzte nicht. Das wusste jeder in Tervo. Nicht seit seine Aina ertrunken war.
Aina hatte es geliebt zu tanzen. Und Matti hatte Aina geliebt. Als er fünf war, hatte er ihr den ersten Heiratsantrag gemacht. Mit 19 schließlich hatte sie ihn erhört. An Juhannus, dem Mittsommerfest, heirateten die beiden. Aina und Matti tanzten die ganze Feier hindurch. Wie es sich an Juhannus gehört, tranken, aßen und lachten sie viel. Dann tanzten sie immer weiter, mitten in den See Pohjalampi hinein. Und Aina ertrank.
Als ich Matti kennenlernte, war er ein mürrischer alter Mann. Tiefe Falten durchfurchten sein Gesicht. Er hatte tiefliegende, dunkelblaue Augen und die riesigsten Hände, die ich je gesehen hatte. Irgendwie mochte ich Matti. Mit seinen abstehenden Ohren und den wirren weißen Haaren sah er aus, wie ich mir einen Troll vorstellte. Er war kein Mann der vielen Worte und guckte stets grimmig, doch unfreundlich war er nicht.
Matti wohnte in der Marjantie, genau wie ich. Nachdem er mir bei meinem Einzug vor einem Jahr geholfen hatte, Umzugskisten ins Haus zu schleppen, besuchte ich ihn ab und zu. Wir tranken, gingen Angeln und schwiegen zusammen. Ich hatte ihn eine ganze Weile nicht gesehen und machte mich zu einem spontanen Besuch auf. Als ich vor seiner Tür stand und klopfen wollte, hörte ich Stimmen aus seinem Haus. Mattis Stimme klang aufgebracht. Die zweite Stimme gehörte einer weiblichen Person, die nicht minder aufgeregt klang. Die Tür wurde aufgerissen und ein etwa 16jähriges Mädchen drängte sich an mir vorbei. Sie war blond, trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Please, don´t tag me“ und zerschlissene Jeans. An den Füssen schlackerten Turnschuhe, denen die Schnürsenkel fehlten. Matti stand im Flur. „Matti, ist alles in Ordnung?“ „Nein!“ Matti schrie und stampfte dabei mit dem Fuß auf dem Boden auf, wie ein trotziges kleines Kind.
„Komm, wir gehen angeln.“
Ich genoss das leise Ssst der Angelspulen, das Gluckern des Wassers unter unserem Boot und das Platschen der Fische, die sich von Zeit zu Zeit mit kleinen Sprüngen aus dem Wasser wagten. „Wer war das?“, fragte ich schließlich in die Stille hinein. „Mia, meine Nichte.“, brummte Matti. „Aha.“, antwortete ich und schwieg. „Sie ist zu Besuch.“ „Hm.“ „Sie soll mehr Zeit in der Natur verbringen.“ Matti schnaubte. „Ich habe das Kind seit Jahren nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, was meine Schwester sich gedacht hat.“ „Und weshalb ist sie nun weg gerannt?“ Matti schüttelte den Kopf. „Sie hat gerade erfahren, dass ich keinen Fernseher habe.“ Ich schaute auf die Birken, die wie stumme Zuschauer am Ufer standen. „Naja, wenigstens ist sie jetzt draußen in der Natur.“ Matti sah mich an. Ich spürte seinen musternden Blick. Plötzlich hörte ich ein Husten und Bellen. Erschrocken sah ich ihn an. Doch dann begriff ich, dass er lachte. „Du bist in Ordnung.“, brummte er.
In der nächsten Zeit sah ich Mia häufiger mit wütendem Blick die Straße herunterlaufen. Ich klopfte dann bei Matti und wir gingen angeln. Heute hatten sie wegen des Juhannusfestes gestritten, das am Wochenende stattfand. Matti hatte ihr verboten hinzugehen. „Aber, Matti, alle Jugendlichen werden dort sein. Du kannst einer 16jährigen nicht verbieten am größten Sommerfest des Jahres teilzunehmen.“ Matti antwortete nicht. Er sah nur stumm auf den See. „Matti, wir werden alle da sein und aufpassen.“ Er nickte.
An Juhannus schlossen die Läden bereits am Mittag. Das Dorf kam am Ufer des Pohjalampi zusammen und tanzte und sang, um die bösen Geister zu vertreiben. Bier, Wein und Wodka flossen in Strömen für eine gute Ernte. Die Männer sangen, während die Frauen die Birkenäste für das Mitternachtsfeuer wie ein Zelt aufrichteten und mit Blumen schmückten. Die Einwohner von Tervo boten ihre ersten Kartoffeln an mit selbst gefangen geräuchertem oder gegrilltem Fisch. Die Jugendlichen tanzten zu ihrer Musik und fuhren mit ihren Motorbooten auf dem See herum. Am Abend saß ich mit Matti auf einem bemoosten Felsen und trank Bier. Wir saßen etwas abseits und schauten dem bunten Treiben zu. Als es gegen Mitternacht dunkel wurde, wurde endlich das Feuer angezündet. Die meisten waren ziemlich betrunken, ob Mann oder Frau, ob alt oder nicht ganz so alt. Ich erkannte Mia, die lachend mit ein paar Jugendlichen am Wasser herumalberte. Matti starrte auf den See. „Ich gehe mal ins Gebüsch.“, sagte ich. Matti nickte und nahm einen Schluck aus seiner Flasche. Während ich zwischen den Gräsern hockte, hörte ich plötzlich lautes Geschrei. Das eben noch zufrieden plätschernde Wasser brauste klatschend auf. Ich wühlte mich aus dem Gebüsch und sah die Männer und Frauen aufgeregt am Ufer stehen. „Was ist denn los? Wo ist Matti? Wo ist Mia?“ Eine Frau zeigte auf einen dunklen Schatten. „Es ist Matti. Er ist plötzlich, wie von einer Tarantel gestochen, aufgesprungen. Hat ‚Mia, Mia’ geschrien und ist ins Wasser gerannt.“ Angestrengt schaute ich auf den See. Plötzlich ragte ein Arm aus dem Wasser. Mir stockte der Atem. Mia! „Da ist noch jemand im Wasser.“, schrie ich. Doch zwei Männer waren bereits in ihrem Ruderboot auf dem Weg zu Matti. Sie erreichten ihn kurze Zeit später und zogen erst Mia ins Boot und dann Matti. Ich drängte mich durch die Menschen und verlangte Decken. Die beiden würden frieren und mussten sofort abgetrocknet werden. „Wer ist das bei Onkel Matti?“, fragte plötzlich eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und traute meinen Augen nicht. „Mia“, rief ich und umarmte sie.
Später, als das Feuer dabei war, sich in einen Haufen Glut zu verwandeln, saßen Mia und ich neben Matti, der in mehrere Decken eingehüllt war, auf einem Holzstamm beisammen. Immer wieder kamen Leute vorbei, um Matti zu der Rettung des Jungen zu gratulieren, dessen Eltern hier Urlaub machten. Er hatte zu viel getrunken und war der Meinung gewesen, er könne zu seiner Ferienhütte zurückschwimmen. „Ich kann immer noch nicht glauben, Onkel Matti, dass du mir so eine Dummheit zu traust.“, sagte Mia. Matti sah sie an und erhob sich langsam. Er drückte mir sein Bier in die Hand und gab Mia einen Kuss auf die Stirn. Dann stakste er leicht schwankend zu dem heruntergebrannten Feuer. Matti hob die Arme erst gen Himmel und breitete sie dann wie Flügel aus. Er hob das eine Bein und ließ es sinken. Er hob das andere, ließ es sinken. Er bog sich vor und zurück wie eine junge Birke, die sich im Wind wiegt. Er drehte sich im Kreis, wurde immer schneller. Sein Kopf lag dabei die ganze Zeit auf seiner Brust. „Was macht Onkel Matti da?“ Ich drückte das Mädchen an mich und lächelte. „Matti tanzt.“

Diesen Beitrag verlinke ich heute (Nov. 2015) zum Projekt [*txt] bei neon|wilderness .